Ärgernisse

Er war bestohlen worden. Ihm wurden wirklich sämtliche Sachen entwendet, die einem, in einem Schwimmbad, auch nur entwendet werden konnten. Nur Schuhe, Hose und T-Shirt hatten sie ihm dagelassen. Es war Winter. Doch auch im Winter trug er nur ein T-Shirt, da ihm in kleinen Räumen viel zu schnell viel zu heiß wurde. Auch draußen war ihm immer relativ warm, deswegen hatte er nur eine dünne, mehr sommerliche als winterliche, Jacke dabei. Die große, schwarze Sporttasche die er normalerweise bei sich trug enthielt immer seine Schwimmsachen und eine Fahrradpumpe, damit er für alle Situationen gerüstet war. Allerdings war er nicht für diese Situation gerüstet gewesen: Nach dem Schwimmtraining fand er seinen Spind offen vor, anscheinend wurde die Elektronik des Spindes überlistet oder es war einer dieser ungewöhnlichen Fehler, von denen man immer nur hörte, die einem aber niemals selber passierten. Diesmal aber war es passiert, alles war weg. Seine Jacke wurde geklaut, in der linken Tasche sein Feuerzeug und sein Portemonnaie. Dazu seine Bankkarte, sein Bahnticket und sein Bundespersonalausweis, die sich in dem bereits genannten, extrem abgenutzten Portemonnaie befanden. Seine Haustürschlüssel waren verloren, ebenso sein Fahrradschlüssel. Das war der Grund, wieso er jetzt im T-Shirt durch die Straßen ging. Er ging ziellos, denn wo sollte er hin? Nach Hause konnte er vorerst nicht, da er keine Möglichkeit hatte die Tür zu öffnen. Er musste also bis zum Abend warten, wenn seine Mutter nach Hause kommen sollte. Also lief er im T-Shirt durch die Gegend, die Haare noch nass vom Schwimmen. Drei Tage später war er krank. Er hatte sich anscheinend irgendetwas bei seinem, etwas ausführlicherem Spaziergang eingefangen. Oder bei der Party am Abend danach, an dem sein leicht alkoholisierter Verstand ihm versprach, dass nichts dabei wäre, um zwei Uhr nachts mit sommerlicher Bekleidung durch die Gegend zu rennen, während er ihm nebenbei vorlog, dass es eigentlich später Frühling statt mitten im Winter ist. Sein Kopf tat ihm weh, sein Hals noch mehr. Es fühlte sich so an, als hätte er Watte in seinen Nebenhöhlen. Wenn er sich bewegte, dann ertönte ein Geräusch in seinen Ohren, so, als ob zwei Weingläser aneinander schlagen würden. Er musste ständig husten und war am Abend vollkommen erschöpft. Doch das störte ihn nicht. Er ging morgens in die Schule um sich an seinen zahlreichen Freistunden zu ergötzen oder um im normalen Unterricht Spaß mit seinen Freunden haben zu können, die er alsbald vielleicht nie mehr wieder sehen würde. Das Abitur stand vor der Tür. Er war glücklich, obwohl ihm sein Körper sagte, er solle sich auf keinen Fall mehr bewegen. Natürlich war dort auch ein klitzekleiner anderer Faktor, ein anderer Grund zur Schule zu gehen. Aber das wollte er sich nicht eingestehen. Er sagte sich einfach, dass er keine Lust hatte zum Arzt zu gehen und fuhr unverändert mit seinem Alltag fort. Er stand morgens auf, hatte Spaß und fiel nach der Schule todmüde ins Bett um am nächsten Tag wieder aufzustehen. Doch manchmal musste er zu Hause auch etwas anderes machen als zu schlafen. Immer dann, wenn seine Mutter ihm befahl Hausarbeit zu verrichten. Seine Mutter war zwar eigentlich immer nett und lieb, aber man musste für diese Nettigkeit auch Aufgaben erfüllen und sie konnte es einfach nicht verstehen, dass es Krankheiten gibt. Krankheiten mussten ignoriert werden, denn sie existierten eigentlich gar nicht. Lustigerweise wurde ihre Theorie dadurch bestärkt, dass sie anscheinend das stärkste Immunsystem der Welt hatte. Bei dieser Hausarbeit geschah es dann, dass er seines Lebens nicht mehr glücklich wurde. Zum Beispiel wenn er Töpfe einräumen sollte, waren die aus Prinzip immer zu groß für die Schublade. Ebenso wie die sogenannten Küchenhelfer, die mit ihrem zeitlosen Edelstahllook so unschuldig aussahen. Die waren die schlimmsten, weil sie alle ungeordnet in der Schublade lagen und alles blockierten, sich ineinander verhedderten und man sich bei reingreifen an allen möglichen Kanten oder Spitzen verletzen konnte. Die Gläser wollten einfach nicht sauber werden und die Brotdosen nicht trocken sein. Das Besteck war ganz normal, aber selbst normal war an diesem Punkt ein Grund sich aufzuregen. Wie konnte wieder alles normal sein, wenn die ganze Welt gegen ihn war? Wie konnte man sich wagen, sich ihm zu dieser Zeit des erhitzten Gemütes überhaupt zu nähern.

Er hasste alle und alle wussten das. Wieso konnte nicht einmal irgendetwas funktionieren? Obwohl dies eigentlich der Moment sein sollte sich ins Bett zu legen und abzukühlen, ging er diesmal lieber hinaus und unternahm wieder einmal einen seiner ausführlichen Spaziergänge im T-Shirt, die dafür bekannt waren ihn noch kränker zu machen. Aber wenigstens konnte er draußen niemanden stören und niemand würde ihn ansprechen. So war die gesamte Menschheit aus der Gefahrenzone seines Gemütes. Eigentlich sollte man ihm dafür schon eine staatlich anerkannte Ehrenmedaille verleihen. Einfach nur, weil er allen aus dem Weg ging und somit das Leben vieler Menschen rettete. Das waren seine Gedanken, als er auf eine vereiste Pfütze trat und jämmerlich auf dem kalten Gehweg landete. In diesem Moment entschied er sich einfach liegen zu bleiben und die letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen. Ihm wurde alles Wichtige geklaut und das interessierte ihn nicht. Manche Kleinigkeiten wollten nicht so funktionieren, wie er es wollte und er nahm an, dass die ganze Welt gegen ihn war? Wo zum Teufel war da die Logik? War das bei allen so oder war nur er so verwirrt im Kopf? Er wusste es nicht. Er riss sich aus seinen Gedanken und blickte wieder nach oben und sah etwas, jemanden. Es war der eine kleine Faktor, der andere Grund, der ihn förmlich dazu zwang zur Schule zu gehen. Ihm wurde die Hand gereicht, aufgeholfen. Man begleitete ihn an einen anderen, glücklichen Ort, zurückgezogen in Zweisamkeit, vertieft in Konversation und gemeinsames Gelächter. Er wusste, dass er Gesellschaft ebenso benötigte, wie die Luft zum Atmen. Sie gab ihm die Kraft nicht an Problemen zu verzweifeln und die größeren Missgeschicke zu überwinden. Und er wollte vorerst nicht mehr alleine sein.