Das Leben an der Bahnlinie

Endhaltestelle

Wären Haltestellen Menschen, dann würde sich die Endhaltestelle wahrscheinlich gar nicht so wohl in ihrer Haut fühlen. Eine Endhaltestelle zu sein ist nervtötend, langweilig und anstrengend. Man ist eigentlich die ganze Zeit alleine, aber wenn man mal besucht wird, dann immer und immer wieder von den gleichen Personen. Man wird nur kurz besucht, bis zu zwanzig Minuten, man wird eigentlich nur für eine Pause benutzt. Eine Endhaltestelle ist quasi ein Pausenclown. Am Anfang sehr unterhaltsam für die Mitmenschen, aber auf die Dauer dann langweilig, nur dass man nicht darum herum kommt ihn in jeder Pause wiederzusehen. Zusammenfassend kann also der Betrachter von außen mit Fug und Recht behaupten, dass eine Endhaltestelle eine abschreckende Wirkung hat. Dabei denkt die typische Endhaltestelle eigentlich gar nicht so schlecht von sich selbst. Sie ist sehr offen und großherzig, im Detail sogar schön. Meistens ist sie groß und rund, umringt von Bäumen und Büschen. Sie ist aufgeräumt und sauber, quasi hygienisch. An Tagen wie diesen konnte sie sogar romantisch sein. Eine Mischung von Schnee und Regen tränkt die, von den Wurzeln der umliegenden Bäume aufgebrochenen Pflastersteine. Kleine Pfützen bilden sich und spiegeln mit einem leichten Klecks von Regenbogen den wolkenverhangenen Himmel, aus dem immer wieder einzelne Lichtstrahlen hervorstechen. Es ist kalt, aber es ist nicht einer dieser klirrenden Kälten, die darauf aus sind direkt in die Knochen zu fahren, sondern einer dieser Kälten, die dazu verlocken die Jacke um seinen liebsten Mitmenschen zu legen und ihn oder sie zu umarmen. Ein kurzer Wind weht, der das Laub quer über den großen, runden Platz weht. Ein paar der Blätter bleiben an dem Brunnen in der Mitte des Platzes hängen. Es ist eine umgebaute Statue aus Stein, mittlerweile mit Moos bedeckt, die natürlich zu dieser Jahreszeit kein Wasser speit. Die Endhaltestelle ist der perfekte Ort für einen romantischen Kuss, während die Bahnen wieder weg fahren und man für einen kurzen Moment in trauter Zweisamkeit und Zeitlosigkeit versinken kann. Leider kann kein Niemand die Endhaltestelle leiden.

Und momentan besucht sie gar keiner.

 

Die vorvorletzte Haltestelle

Sven stand schon seit einer halben Stunde an der Haltestelle. Die Bahn ist ziemlich spät dran, vor allem, wenn man bedenkt, dass mittlerweile eigentlich schon 3 Bahnen kommen hätten sollen. Es regnete, aber das störte ihn nicht. Er musste sich und all den Mitmenschen, die mittlerweile einfach zu Fuß gegangen sind, etwas beweisen. Svens größte Angst war es von einer Haltestelle zur anderen zu gehen und dabei dann von der Bahn überholt zu werden. Diese Situation ist so abscheulich, dass Sven lieber seit 30 Minuten im Regen steht und auf die Bahn wartet, anstatt einfach die eine Station zu Fuß zu laufen. Es war eine gerade Strecke, flach, perfekt für Fußgänger ausgelegt, nur 2 Ampeln. Es gab keine großen Kreuzungen auf dem Weg, man konnte, wenn man sich ein bisschen konzentriert und nicht zu viele Fußgänger da waren, das nächste Glashäuschen schon erkennen. Es wäre ein Aufwand von 5 Minuten. Sven war wie gelähmt, hin- und hergerissen zwischen dem verlockenden Angebot einfach zu laufen und dem zwanghaften warten auf die Bahn. Mit jeder Minute, die er nun noch weiter am Rand der Straße wartete stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Bahn ihn einfach hinterrücks überholt, mit Schadenfreude klingelt und Sven dann noch mit einem dramatischen Blitzen der Oberleitung erschreckt.

Sven würde warten, da war er sich ganz sicher.

 

 

Genau in der Mitte

Schnee fällt vom Himmel. Oder ist es Regen? Schneeregen. Ekelhaft. Schneeregen fällt vom Himmel. Ben steht da, seine langen, sonst so geordneten Haare hängen ihm ins Gesicht. Das kalte Wasser läuft ihm in die Augen. Sein rechter Ohrstöpsel funktioniert nur, wenn er die Klinke seiner Kopfhörer mit Gewalt in den Anschluss seines überteuerten Smartphones drückt. Seine Finger schmerzen schon, aber der Stereo-Sound von irgendeiner Metal-Band scheint ihn zu entspannen. Wo bleibt die verdammte Bahn? Schon seit 2 Minuten sollte sie da sein. „Was für eine unglaubliche Scheiße im Organisationszentrum der Kackbahn schon wieder abgehen muss“, denkt er sich. Vielleicht sollte er applaudieren, wenn die Bahn endlich mal kommt. Aber seine Finger schmerzen vom Drücken an seiner Kopfhörerklinke. Er will nur noch nach Hause, im Bett chillen. Unter seiner neuen flauschigen Decke. Doch natürlich will die Bahn nicht kommen. Er hätte jetzt gerne einen Kakao. So einen mit 350ml 3,5%igen frischer Vollmilch, erhitzt auf 65°C, gerne auch aufgeschäumt. Mit genau 2,5 Esslöffeln Kakao. Aber nicht diese Fertigmischung von Nestle, das gute, teure Zeug. Mit Schlagsahne, Schokosträuseln, Marschmallows und einer Kirsche. Die volle Packung an Verwöhnung. Doch er hatte keine Lust sich gleich einen machen zu müssen. Das Beste wäre, wenn der Kakao schon fertig wäre, wenn er nach Hause kommen würde. Er zog sein Smartphone aus der Tasche, mittlerweile hatte er es aufgegeben mit Gewalt auf die Klinke zu drücken und begnügte sich nun wieder mit Mono-Sound. Er wollte kurz im Appstore nachgucken, ob es vielleicht schon so etwas wie eine App gab, die die einen perfekten Kakao zubereitet, bevor man zuhause ankommt, aber der ekelhafte Schneeregen machte den Touchscreen komplett unbrauchbar. Er versuchte ihn mit seiner nassen Jacke zu trocknen, das Ergebnis: Ziemlich ernüchternd.

Wieso war die Bahn schon 4 Minuten zu spät?

 

Zwei Haltestellen vorher

Wenn man eine Waschmaschine mit Ziegelsteinen füllt und dann anmacht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Waschmaschine an der einzigen Sache, die sie wirklich gut kann, zugrunde geht. Solche hochkomplexen Gedanken machten Dennis glücklich. Manchmal fühlte er sich wie ein Genie. Ist schon mal irgendjemand auf so etwas alltägliches, tiefsinniges und zugleich hochtrauriges gekommen? Er konnte es sich nur schwer vorstellen. Obwohl Dennis für einen kurzen Augenblick Mitleid für die Waschmaschine empfand hatte er das dringende Bedürfnis sich selber zu feiern. Manchmal musste das sein, dieses „sich selber feiern“. Jeder Mensch sollte von einem anderen Menschen oder sich selbst gefeiert werden, denn das stärkt das Selbstbewusstsein. Das ist der gleiche Grund, warum die glücklichen Männer sich morgens frontal vor den Spiegel stellten, sich selber anzwinkern und sagen: „Geiler Typ!“. Für Frauen kann Dennis natürlich nicht sprechen, die brauchen meistens Schuhe oder Schokolade um glücklich zu sein. Mitten in der Höchstphase seiner Euphorie wurde seine grandiose Laune ein wenig gedämpft, als ihm wieder einfiel, wie er morgens versucht hat sein Spiegelbild in seiner Hand zu erkennen. Er stand im Badezimmer und guckte mindestens eine halbe Minute konzentriert auf seine Hand, bis ihm irgendwann der schleichende Gedanke kam, wie sinnlos seine Handlung war und wie blöd er dabei aussehen musste. Naja, manchmal wollte sein genialer Verstand halt einen Streich mit ihm spielen. Er war bestimmt schlaftrunken gewesen.

Wo war die Bahn eigentlich?

 

Station 4

Niklas ging über die Straße. Er war extrem aufgeregt, vielleicht lag es daran, dass er heute Abend mit einer relativ neuen Freundin ins Kino gehen würde. Das Wetter war zwar nicht perfekt, aber davon bekommt man ja im Kino, Gott sei Dank, nicht allzu viel mit. Sie hatten sich über ein soziales Netzwerk kennengelernt, bei einer Diskussion zu dem Film, den sie beide heute Abend zusammen gucken wollten. Sie beide gaben schon bei der Diskussion ein gutes Team ab, der einzige Reibepunkt zwischen den beiden war eigentlich, wer von beiden mehr Erwartungen an den Film hatte. Beide einigten sich darauf, dass es der beste aller Zeiten werden sollte. So sind sie dann ins Gespräch gekommen. Niklas war ziemlich beschäftigt. Seine Ohren dröhnten von der Filmmusik, die er sich am Morgen heruntergeladen hatte. Man wollte ja vorbereitet sein. Nebenbei lernte er ein paar Fakten und dazu ein bisschen unnützes Wissen über den Film auswendig, um das Mädchen nach der Vorstellung noch gebührend in ein Gespräch verwickeln zu können. Es war schwierig etwas zu finden, dass sie noch nicht wissen könnte. Das konzentrierte Starren auf sein Handydisplay setzte sein peripheres Sehen außer Kraft. Niklas nahm war, dass die Fußgängerampel grün war. Das blinkende Licht, dass ihn vor der Straßenbahn warnen wollte entglitt seiner Aufmerksamkeit. Die Bahn bimmelte laut, die Filmmusik übertönte dies. Niklas spürte einen heftigen Aufprall.

Er ärgerte sich, dass er es heute Abend nicht mehr ins Kino schaffen würde.