Die Suche nach der Geschichte

Philip legte sein Handy weg. Gerade eben war sie noch da, aber jetzt ist sie verschwunden. Er konnte sie vor einem Moment noch mit den Händen greifen, vor den Augen sehen, als wäre sie ganz real da. Nun ist sie einfach weg. Aber wohin? Wohin kann man so schnell gehen? Und warum? War sie geflüchtet? Mochte sie ihn nicht mehr? Wahrscheinlich wollte sie nicht eingesperrt werden, ganz egal was ihr Gefängnis sein sollte, gleichgültig ob es Stift und Papier oder konvertiert in Einsen und Nullen und abgespeichert auf einer MicroSD-Karte oder in dieser neuartigen Cloud war. Verständlich. Nur wenige Leute kamen sie heutzutage besuchen, und die, die kamen, waren Leute, die keine eigene Fantasie mehr besaßen. Sie wurde benutzt. Als Gedankenanreger und Fantasiehilfe. Als Mittel zum Ausdruck für die Leute, die sich nicht ausdrücken durften, als Fluchtort für Leute, die im Alltag gefangen waren. Als utopische Vorstellung, in der alle Leben wollten oder als dunkle Zukunft, vor der gewarnt werden wollte. Aber sie konnte auch vieles. Sie erweiterte den Geist oder schränkte ein, eröffnete neue Möglichkeiten, ließ einen in die Zukunft oder Vergangenheit reisen. Sie erschuf parallele Universen und machte alternative Lebensformen möglich. Sie kannte keine Grenzen. Außer die des Gefängnisses in das sie meist gesperrt wurde. Philip stand auf, begann sein Zimmer zu durchsuchen. Irgendwo musste sie doch sein. Hatte er sie vielleicht, gedankenversunken, wie er manchmal war, einfach irgendwo hingelegt? Er hätte besser aufpassen sollen. Eigentlich sollte sie ein Geschenk für eine Freundin sein, die er sehr gerne mochte. Er wusste, dass sie sich darüber freuen würde, aber nun stand er mit leeren Händen da. Er ging erfolglos aus seinem Zimmer. War er heute schonmal in die Küche gegangen? Hatte er sie anstatt der Cola Light ins Getränkefach gestellt? Wie konnte man nur so verpeilt sein? Aber dort war sie auch nicht. In der Küche waren nur seine Eltern, die fragten, was er denn so dringend suchen würde. Aber er wollte nicht antworten. Und auch im Badezimmer und Schlafzimmer war nichts. Er rannte nach draußen, suchte in der Nachbarschaft. Nirgends war etwas zu finden. Er lief stundenlang durch Gerresheim. Nichts. Und dann stellte er sich die üblichen Fragen: War der Weg vielleicht schon das Ziel? Und wenn nicht, was war dann sein Ziel? Wo wollte er eigentlich hin? Denn um ehrlich zu sein, er erwartete doch wohl nicht, dass er hier draußen die Geschichte finden sollte. Und war die Geschichte von der Suche nach einer Geschichte vielleicht schon eine Geschichte? Oder anders gesagt: Besitzt ein monotones Voranschreiten ohne jegliche Handlung doch eine Handlung? Er wusste es nicht, deswegen stieg er in einem Bus. Vielleicht hatte sich hier die Geschichte versteckt. Der Bus fuhr los, die Geschichte war nicht da. Er stieg aus, lief durch die Straßen, nichts zu sehen, nur komische Menschen, die alle nicht so aussahen, als hätten sie seine Geschichte versteckt. Schließlich klingelte er an einer Tür. Vielleicht war dort sein Ziel, seine Geschichte, der Weg: was auch immer er nun brauchte, er war mittlerweile vollkommen verwirrt von seinem eigenen Gedanken. Sie machte auf. Nicht die Geschichte, aber das Ziel, für das sich der Weg gelohnt hat. Philip wusste, dass es seine Bestimmung war hierher zu kommen, nur für diesen Augenblick.

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