Fragen

Ich habe heute einen Jungen mit einem hellorangenen, selbst gebauten Flugdrachen gesehen. Ich habe ihm ins Gesicht geschossen. Die Welt soll nicht mehr schön sein. Sie ist verkommen, hat sich ihre Chance verspielt. Es gab eine Zeit, damals, da war sie noch nicht so wie heute. Die Straßen sind dreckig. Sie sind vernarbt, wurden schon viel zu lange von Autos befahren. Man hatte uns prophezeit, dass alles anders werden sollte. Vor 25 Jahren hat man Filme gezeigt, in denen die Autos heutzutage fliegen sollen, umweltschonend sein sollen, selbstständig sein sollen. Das einzige, was die Fahrzeuge der mittelständischen Gesellschaft können, ist Löcher in die Hülle zu reißen, die, wie ein riesiger, unsichtbarer Ball das umhüllt, was wir unrechtmäßig unser Zuhause nennen. Es waren die hohen Tiere, die oberen fünf Prozent, die befahlen es zu stoppen. Fortschritt ist nicht erwünscht. Never change a running system. Profit steht über dem Umweltschutz. Wusstest du, dass bereits 1998 die LKWs unsterblich waren? Jedes Einzelteil konnte, ohne, dass man dafür viel Aufwand braucht, ausgetauscht werden. LKW-Fahrer sollten nicht unter dem Profitwahn leiden. Sie sollten ihren Job so schnell wie möglich erledigen, damit der, nie endende, Fluss auf Rohstoffen, Materialien, Substanzen, Subventionen, Steuern, Dienstleistungen und Menschenmassen nie enden möge. Man dachte sie für den immer schneller werdenden Austausch von Allem einen Namen aus, nannte ihn „Globalisierung“, taufte sie unitheistisch und behandelte es wie seinen Erstgeborenen.  Als er dann immer größer wurde, machte man sie sich zum emanzipierten Vorbild. Es hatte eigentlich kein Geschlecht, trotzdem sahen Männer sowie Frauen es als eine Chance wieder einmal die Debatte über das stärkere Geschlecht anzufachen.  Der Einfachheit halber behandelte ich sie, als wäre sie einer der Frauen, die das Argument der Gleichberechtigung ausnutzen, um sich, unberechtigter Weise, Vorteile zu verschaffen. Nach der Rolle als Vorbildfunktion wurde sie zum verrückten Diktator, forderte Opfer, strebte die Weltherrschaft an. Sie schaffte es. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Sie erinnert an ein postapokalyptisches Szenario, nur die Apokalypse hatte nie eingesetzt. Die Welt war übersät mit Plattenbauten, die errichtet wurden, um das exponentiell steigende Bevölkerungswachstum unter Dach und Fach zu bringen. Natürlich scheiterte dieser

Versuch kläglich, wurde aber als „selbst gelöst“ angesehen, als sich um die Plattenbauten herum Slums bildeten. Und jetzt sitze ich hier. Ende. Mein Gedankenstrom ist plötzlich abgerissen, in meinem Kopf bildet sich eine gähnende Leere. Was sollte ich denn bitte jetzt noch sagen? Ich habe gerade alle wichtigen Probleme der Gesellschaft zusammengefasst, habe versucht all das Leid in einigen Sätzen zusammenzufassen und dabei maßlos übertrieben. Jetzt gerade fühle ich nichts. Ich bin nicht mehr wütend, glücklich bin ich aber schon gar nicht. Vielleicht bin ich am ehesten erleichtert darüber, dass die ganzen Gedanken einfach verschwunden sind, weggespült von dem neusten Popsong von “Wemauchimmer” der gerade eben bis zu meinen Ohren vorgedrungen ist, sich langsam herangetastet hat, mein Trommelfell sanft zum Trommeln gebracht hat und dann wie ein Wellenrauschen einfach alles aus meinem Kopf geschwemmt hat, was da war. Und jetzt? Ich gucke aus dem Fenster. Ich war anscheinend so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie es angefangen hat zu regnen. Ich lehne mich mit dem Kopf an die Scheibe, kann fühlen, wie ich mich abkühle, abreagiere. Ich spüre die leichte Vibration, immer dann, wenn ein ganz besonders großer Regentropfen an die Scheibe kracht. Dieser krachende Rhythmus zieht mich für kurze Zeit in seinen Bann und ich lausche ihm, wie eine verliebte Person dem Herzschlag des anderen zuhört. Wo will ich überhaupt hin? Ich öffne die Augen, realisiere, dass ich eigentlich vor 5 Stationen hätte aussteigen sollen. Der Zug, in dessem leerem Abteil ich sitze, ist mittlerweile längst über die Stadtgrenze hinaus. “Ihr Ticket bitte”, von hinten hatte sich ein Kontrolleur angeschlichen. Wieso zur Hölle sollte man um 6 Uhr morgens in einem Zug kontrollieren, aber nicht um 14 Uhr? Ich meine, da gibt es doch in reellen Zahlen viel mehr Leute, die schwarz fahren, also auch mehr Geld. “Vielen Dank!” Er ging wieder. Ich war wieder allein. Ich hätte ihn gerne zurückgerufen, ein bisschen Smalltalk betrieben, aber dafür ist es jetzt zu spät. Wo will ich überhaupt hin? Ich könnte jede der nächsten Stationen aussteigen, das Gleis wechseln und zurück nach Hause fahren, aber das ist irgendwie unsinnvoll. Zuhause gibt es momentan nichts, was die Situation, in der ich mich befinde irgendwie ändern könnte. Genausogut kann ich mich jetzt auch wieder seitlich an die Seite lehnen und dem Regen zuhören, macht eh alles keinen Sinn. Wo will ich überhaupt hin? Gute Frage. Was ist mein Ziel für heute, für diese Woche, den nästen Monat, den Rest des Jahren, übernächstes Silvester, mein Leben? Genau das Liebe ich an Zügen so. Sie sind gradlinig, fahren eine Strecke. Wenn man im Zug sitzt gibt es alle 10 Minuten nur eine Entscheidung: Aussteigen. Im Leben geht das nicht, in der Welt geht das nicht, keine Person kann immer die richtigen Entscheidungen treffen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Welt mittlerweile das ist, was ich händeringend versucht habe zu beschreiben. Vielleicht sollte man sich einfach mal treiben lassen, wie auf einem Ruderboot im Atlantischen Ozean. Man hält die Füße still, während das Schicksal einfach entscheiden darf, wo man hingespült wird, das wäre mal was. Also will ich auf’s Meer? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das Meer ist ein echt klischeebehafteter Ort für alternde Männer, die zu einsam für die heutige Gesellschaft sind. Es kann genau das sein, was ich brauche oder genau das, was mich entgültig zerstört. Denn mit einer Sache hatte ich bis jetzt Unrecht. Züge und das Leben sind beides Instanzen, in denen man sich alle zehn Minuten fragen kann, ob man jetzt aussteigen soll. “Wo willst du überhaupt hin?” Der Kontrolleur war ist zurückgekommen, sieht aber gar nciht so aus, als wolle er Smalltalk betreiben. “Wir sind an der Endstation, raus hier, wenn du nicht auf dem Abstellgleis landen willst.” Jetzt wurde mir sogar die einzige Entscheidung genommen, die ich aus eigener Kraft hätte treffen können. Ich steige aus dem Zug aus, gucke mich um. Diese Gegend hier sieht gar nicht so verschmutzt aus, wie die Großstadt, aus der ich komme. Irgendwie ländlicher. Nicht schön, aber immer noch besser als vieles, das ich bis jetzt gesehen habe. Vielleicht sollte ich einfach hierbleiben. Mir ist klar, dass das nicht geht, denn irgendwann muss ich zurück. Dort, wo ich bin warten Familie und Freunde auf mich, Personen, dessen Anker ich bin, denen ich Tag für Tag Kraft geben soll. Wie soll ich Problemen von anderen zuhören können, wenn ich müde bin? Wie soll ich anderen aufhelfen, wenn ich zu schwach zum heben bin? Wie soll ich Leute in den Arm nehmen, wenn ich selbst dafür zu erschöpft bin? Dann schlaf doch. Aber wie soll ich schlafen, wenn ich Nacht für Nacht mit anhören muss, wie die Welt um mich herum aus den Fugen gerät? Ich weiß es nicht. Weißt du es? Ich habe heute einen Jungen mit einem hellorangenen, selbst gebauten Flugdrachen gesehen. Ich habe ihm ins Gesicht geschossen. Ich tat es, weil es etwas konnte, was ich niemals können werde.
Es fragte: “Kannst du mir helfen?”

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