Geheimnisse

“Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?”

-Brian Or

 

Eigentlich bin ich ganz normal. Ich weiß, das sagt jeder, aber es stimmt! Ich bin 21 Jahre alt, habe ein Auslandsjahr hinter mir und studiere gerade dual bei Henkel. “Bachelor of Science – Chemistry and Biology”. Das wird ein eindrucksvoller Titel sein. Trotz meiner vielen Arbeitsstunden, dem ganzen Lernen und dem üblichen Quatsch, der als Erwachsener nun anfällt, habe ich noch genug Freizeit für die Dinge des Lebens, die mir Spaß machen: Mit Freunden stundenlang skypen und Computerspiele. Seht ihr? Ganz normal. Naja, wenn ich jetzt um das Jahr 1990 herum leben würde und dann genauso normal wie jetzt sein würde, hieße das wahrscheinlich, dass ich in der Matrix leben oder bald einen Fightclub gründen würde. Hier in 2030 bin ich allerdings absoluter Standard. Doch warum schreibe ich dann das Ganze hier überhaupt?
Eines Tages ging ich zum Arzt. Ich hatte einen einfachen Fall von gripaler Infektion, nichts weltbewegendes. Beim Betreten des Wartezimmers guckte ich freundlich, grüßte hier und da und nickte dem ein oder anderen Untoten zu, der entweder todkrank, zu faul für die Arbeit oder süchtig nach der neusten Ausgabe des Douglas-Magazines war. Ich setzte mich hin, gähnte kurz (verdammte Spiegelneuronen!), guckte mich um und stand wieder auf, um in dem Stapel mit Magazinen herumzukramen, der auf erschreckende Weise unspannend war. Die goldene Regel unseres Zeitalters ist: “Schleppe dich als erster zum Arzt und du bekommst die einzige Automotorsport.” Gelangweilt setzte ich mich wieder hin, las mir die Infotafel zur Schweinegrippe durch, die dort schon seit etlichen Jahren hängt, lernte kurz wiederholt, wie man sich richtig die Hände wäscht, gähnte abermals und guckte mich mit verschlafenen Augen im Raum um. Schräg rechts von mir saß eine Person, die mir bis Dato noch gar nicht aufgefallen war. Es war ein Mann. Er sah alt aus, seine Klamotten waren vom Socken bis zum T-Shirt hellgrau. Sein Kleidungsstil sah gleichermaßen gemütlich wie dreckig aus, was an seinem Shirt gelegen haben könnte. Es war extrem fleckig. Wenn man seiner Fantasie freien Lauf lässt, kann man sich vorstellen, wie er versucht hat, sich mit beiden Händen eine aberwitzige Menge von Schwarzwälder Kirschtorte in den Mund zu stopfen, wobei mehr als drei Viertel einfach über sein ausgeprägtes Kinn auf sein T-Shirt getropft sind. “Komisch, was ich mir insgeheim bei so einem fleckigen T-Shirt ausdenken kann”, dachte ich, “hoffentlich bekomme ich diese Nacht keine verrückten Kirschtortenfieberträume.” Nebenbei musterte ich seine Frisur, die man mit Wohlwollen als “verrottete Tonsur” beschreiben hätte können. Sein Kopf war an sich kahl. Nur an den Seiten blieb ein schmaler Streifen seiner Haare übrig, die in grauen, fettigen Strähnen herunter hingen und die er sich stetig raufte. Er faselte vor sich hin, schlug in die Luft, dann sich selber auf die Hand, er guckte sich verwirrt im Raum um, so als suche er etwas. Dann fuhr er wieder mit dem Faseln und Haareraufen fort. Man verstand nicht viel von der Faselei, doch ich folgendes sprach er mehrmals laut aus: “Geheimnisse?!”, “wir haben doch alle” und “Wofür das Ganze?”. Ich hatte absolut keine Ahnung, wovon er redete, doch ich hatte genug Zeit mir mit meinem gesunden Halbwissen ein Krankheitsbild von ihm zu machen. Ich tippte auf Demenz, Shizophrenie oder Hirntumor. Wobei ihm natürlich nichts gegönnt sei. Nachdem immer mehr Copatienten auf ihn aufmerksam wurden, erlöste uns die Krankenschwester von unserem Leid. “Herr Brein”, rief sie, “Herr Brein bitte in Zimmer 7”. Auf die unvermeindliche unvorhandene Reaktion des Mannes, kam sie besorgt ins Wartezimmer und nahm ihn liebevoll bei der Hand. Anscheinend ein Stammgast. “Walter, komm bitte mit ins Behandlungszimmer, wir haben eine neue, gute Medizin für dich.” Sie erschrak. “Aber Walter! Hast du wieder Kuchen gegessen?!? Du weißt doch, du sollst keinen Zucker essen. Zucker nährt den Krebs!” Es war also doch der Hirntumor. Tat mir leid für den guten, alten Walter. “Verrückt”, sagte eine junge Frau neben mir und lächelte mich an, “der Mensch an sich ist doch irgendwie verrückt.”

Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Flug. Der Arzt meinte, ich solle mich mal auskurieren, bevor ich wieder arbeiten gehe und so nutzte ich die Zeit um meinen Netflix-Probemonat vollkommen auszukosten. Ich gab mich dem Strom des hirnzellenverbrennenden Stagnierens vor dem Fernseher hin und kostete die Zeit aus, in der ich mal nicht arbeiten, lernen und Erwachsenenquatsch machen muss, der bereits am Montag, nach dieser kleinen Pause, wieder zu meinem Lebenssinn wurde.

“Ich dachte schon, du würdest hier gar nicht mehr auftauchen.” Ich wurde zum Chef gerufen. Direkt am ersten Arbeitstag, werde natürlich ich zum Chef gerufen. Ich stand in seinem bescheidenen und spartanisch eingerichteten Büro, das trotzdem einen gewissen Hauch von Würde und Eleganz ausstrahlte. Brian Or hieß mein Chef und er war eine beeindruckende Persönlichkeit. Er sah jung aus für sein Alter, seine blonden Locken verliehen ihm ein bubenhaftes Aussehen und standen im Kontrast zu seinen markanten Gesichtszügen, sowie der immer anwesenden Sorgenfalte auf seiner Stirn. Er war athletisch, dünn, definiert. Ein begeisterter Fußballspieler und -fan. Obwohl einige böse Zungen ihn als “lauchig”, “unscheinbar” oder “schlaksig” bezeichnen würden, hatte er eine unglaubliche Präsenz. Er wusste, wie man einen Raum mit Atmosphäre füllte, wie man sich Respekt verschafft und wie man sich als Chef zu verhalten hat. “Ich dachte schon, du würdest hier gar nicht mehr auftauchen.” Ich war heute sogar fünf Minuten zu früh auf der Arbeit und das wusste er genau, der Penner. “Du kommst zwei ganze Wochen zu spät. Das kotzt mich an. Es ist eine Unverschämtheit mich so lange warten zu lassen, du hast Glück, das ich-” Er brach mitten im Satz ab, hatte sich wahrscheinlich an der Buchstabensuppe verschluckt, die sich in seinem Mund gebildet hat, die er wie einen Wasserfall auf mich niederprasseln lassen wollte. Die Zutaten waren mir klar: Ich war zwei ganze Wochen nicht da, ich hätte noch viel zu lernen, so bringe ich es zu nichts, es gibt eine Millionen andere Leute, die genau diesen einen Studienplatz haben wollen und so weiter und so fort. Ich stellte auf Durchzug, bereit das Gespräch über mich ergehen zu lassen, sollte er endlich mal seinen Faden wieder gefunden haben. Doch da kam nichts. Er holte tief Luft, setzte zum Reden an, holte abermals Luft, stammelte irgendwas vor sich hin, dachte noch mal nach. Dann setzte er sich an seinen marineblauen Schreibtisch. Auf einmal sah sein bubenhaftes Gesicht gar nicht mehr so jung aus. Seine Sorgenfalte wurde zu einer Sorgenfaltenlandschaft. “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” War das jetzt eine Frage an mich? “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” Er wurde lauter. Ich vergewisserte mich, das wir nur zu zweit im Raum waren. “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” Er wurde bedrohlicher. Waren wir leider. “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” Langsam wurde er angsteinflößend. “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” Ich verließ rückwärts den Raum und beschloss mir noch eine Woche frei zu nehmen. Ich hatte Glück, dass mein Studienblock anfing, denn so hatte ich erstmal die Möglichkeit meinem Chef und dem Kollegenkreis auszuweichen, die alle mehr und mehr besessen wirkten. In der Universität war alles wie sonst auch. Alle lernten fleißig vor sich hin, redeten wenig. Man hatte sich ruhig zu verhalten. Ganz besonders in der Universitätsbibliothek redete man am wenigsten und lernte am meisten. Doch langsam breitete sich eine Diskussion aus. Zuerst traf es die Obdachlosen, die am meisten mitbekamen vom Geschehen der Stadt. Dann die Faullenzer, die am meisten Zeit hatten ihre Gedanken für alles zu verschwenden, was sie so hörten. Danach die Arbeitslosen, die Fleißbandarbeiter, zudem die Callcenter, die Kundenberater, die Verkäufer. Alle die, die viel und gerne redeten. Er verbreitete sich schnell, jeder bekam davon mit. Und schließlich traf es dann auch meine Mitstudenten, bis schließlich jeder in der Stadt besessen war von diesem einen Gedanken. Er war weder komplex noch gefährlich, er brachte keinen um, er löste keine Kriege und keine Feindschaften aus. Nur Diskussionen. Und jeder diskutierte. Mit jedem. Ich hatte immer mehr das Bedürftnis rauszugehen, zu spazieren, Gesprächsfetzen von hier und da aufzuschnappen.
“Geheimnisse?!” hieß es da an einer Ecke. “Was ist das, diese Geheimnisse? Was ist das, was wir als Geheimnis bezeichnen?” Eine Freundin versuchte sich bei ihrem Lebensabschnittsgefährten zu informieren. “Ist es etwas, was man weiß, aber andere nicht wissen?”, fragte ein Professor seinen Kollegen bei einem Kaffee. “Nein, das ist es nicht. Es muss etwas sein, was man weiß aber anderen bewusst vorenthält”, fachsimpelte er zurück. “Wir haben doch alle Geheimnisse. Ich meine… haben wir.”, sagte eine Mutter zu ihrem Sohn, der fragte: “Hat sie ein Geheimnis? Oder er?” und dabei auf mich zeigte. “Naja, wenn ich das wüsste, dann wäre es ja kein Geheimnis mehr.”, rief ein Jugendlicher von der anderen Seite der Straße, während er versuchte die Balance auf seinem Lonboard zu halten. “Vielleicht habe ich Geheimnisse vor mir selbst. Bestimmt sogar.”, murmelte ein Obdachloser vor sich hin und vergaß dabei ganz und gar nach Almosen zu betteln, “Aber auch das ist nicht gewiss. Sie sind ja schließlich geheim.” An der Bushaltestelle schrie ein Mann in sein Telefon, verzweifelt nach Antworten flehend: “Warum gibt es diese Geheimnisse? Wofür das Ganze?” Er bekam keine hörbare Antwort.
Diese Tage machten mich glücklich, weil die Menschheit für kurze Zeit eingefroren war. Diskussion ist eine wunderbare Methode um jemanden von seinen Zielen abzuhalten. Ich bin normal. Bin ich wirklich. Aber wenn du mich fragst, wer ich bin, kann ich dir nur Folgendes sagen:
“Ich bin dein fehlender Blick für’s Ganze. Ich bin der Grund einfach mal nichts zu sagen.”

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