Kaputte Kniescheiben

Ich saß im Bus. Es war ein Samstagmorgen und ich musste, wie üblich, zur Arbeit. Alles war wie immer. Diese Nacht konnte ich außergewöhnlich gut schlafen, vielleicht ein bisschen zu gut. Denn ich freute mich, wie immer, im Zug noch ein klitzekleines Powernapping durchzuführen. Heute sollte mein lang erwartetes Handy ankommen, endlich wieder ein bisschen Technik, mit der ich mich begeistern konnte. Der Bus fuhr, kam langsam am Hauptbahnhof an. Eigentlich überquerten wir gerade erst den Werhahn-S, es war 7:37 und ich saß im 737er. Ein lustiger Zufall. Man könnte ja eigentlich mit dem Powernap anfangen, oder nicht? Die 5-7 Minuten an wetvollem Schlaf könnte man mitnehmen, letztendlich bin ich ja sehr früh aufgestanden. Mal sehen, was der Abend noch brachte. Karnevalswochenende. Saufen ist Pflicht. Donnerstag war geil, es musste aber noch besser werden, nachdem man sich fälschlicherweise den Freitag frei genommen hatte. Die fünfte Jahreszeit, bekannt für Eskalation, berüchtigt im ganzen Land. Ich ließ den Kopf nach vorne fallen. Es wurde Zeit sich der Macht des Schlafens zu ergeben, sich fallen zu lassen, zumindestens für die nächsten fünf bis sieben Minuten. Ein Schuss fiel. Die Kugel streifte meinen Rücken, rasierte mir ein paar hundert Haare vom Kopf und zerschmetterte das Glas vor mir, bis sie sich durch die Frontscheibe aus dem Staube machte. Lautes hupen. Der Busfahrer bremste ab, ich hatte den Eindruck, dass mein Körper es der Kugel nachtun wollte, sich ebenfalls durch die Fronscheibe aus dem Staube machen wollte. Doch komischerweise blieb ich am Sitz kleben, es schien wie ein physikalischer Streich zu sein. Amokläufe waren gerade im Trend. Ganz Düsseldorf sprach davon. Anscheinend kamen ein paar Leute nicht so gut mit dem seelischen Druck klar. Vorabiklausuren, Karnevalszwang. Wer sich an diesem Wochenende kein Mädchen klarmachte, galt als Weichei. Doch die Leute zeigten Zivilcourage. Eine ältere Dame schwang ihre, mit Katzenfutter gefüllte, Lederhandtasche, als hätte sie damals im römischen Reich unterrichtet. Zwei Zwillinge nutzen die Bremskraft des Busses, um den Amoklaufenden von seinen Beinen zu reißen. Sie hielten ihn mit aller Kraft fest. Die Waffe rutschte den Mittelgang des Busses entlang. Es war eine wunderschöne Desert Eagle, silbern glänzend. schlank, handlich, durchschlagkräftig, zielsicher im Einzelschuss. Eine perfekte Waffe für den perfekten Freak. Man musste sie nur herausnehmen und wild um sich feuern. Irgendetwas würde man schon treffen und wenn etwas getroffen wurde, konnte man sich sicher sein, dass da kein Gras mehr wuchs. Viele Leute sprachen von einem Waffenverbot in Amerika. Die meisten ignorierten, dass man illegal immer eine dabei haben konnte. Letztendlich blieb sie neben mir liegen. Die Situation hätte nicht besser sein können, perfekt um sie in diesem Augenblick niederzuschreiben. Ich hätte eingentlich nur nach dieser kompakten Todesmaschinerie greifen müssen, hatte mir eine ähnliche Situation schon oft vorgestellt. Ich würde ihn nicht umbringen, nur ein bisschen den Helden spielen. Würde mich für die ungewollte Rasur rächen, ihm vielleicht beide Kniescheiben einschießen. Auch ich war einer dieser Freaks, die mit dem ganzen Druck nicht klarkommen, konnte es nur besser verbergen. Ich hätte nur die Waffe nehmen müssen, auf die Knie zielen müssen. Ein leichtes zucken mit dem Finger, es wäre als Notwehr durchgegangen. Ich hätte zudem die Zwillinge und die Oma etwas entlastet, die sich alle Mühe gaben, die bis jetzt unbekannte Person am Boden festzuhalten. Ich hatte noch gar nicht erwähnt, dass ich den Amokläufer bis jetzt noch gar nicht gesehen habe. Ich konnte nicht urteilen, ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte nicht wissen, wer so einen psychischen Druck so unglaublich explosionsartig von der Seele lassen musste. Ich fühlte mich unfähig meinen unteren Rückenmuskel anzustrengen, meinen Oberkörper um 90 Grad zu drehen, um den Kopf auf den Hals dann nochmals um 70 Grad zu wenden. Ich konnte den Schulterblick nicht ausführen, ebensowenig konnte ich nach dem liebreizenden verarbeiteten Stück Mechanik bücken, um endlich meinen Plan von kaputten Kniescheiben wahr werden zu lassen. Das Hupen der Autos vermischte sich langsam mit dem Heulen von Sirenen. Ich nahm alles wie in Zeitlupe war. Die Polizei traf ein, nahm den „Täter“ in gewahrsam. Hatte bis jetzt ja, wenn man es genau betrachtet, nicht viel getan. Zählte das Zücken einer Waffe schon als versuchter Mord? Oder würde er/sie Strafe für Sachbeschädigung bezahlen müssen. Natürlich musste man beachten, dass der illegale Besitz einer Waffe natürlich auch als Straftat gilt. Meine Güe war Jura kompliziert. GUt, dass ich mich in der achten Klasse gegen ein solches Studium entschlossen habe und nun Achterbahnen konstruieren wollte. Die Polizei verließ den Bus, sie nahm das geliebte Stück aus poliertem Eisen mit. Man musste zugeben, dass die kranken Bösewichte immer einen außerordentlich guten Geschmack hatten und meistens extrem reinlich waren. Sowas kann nicht jeder. Der Bus fuhr weiter, man musste mit dem Erlebten jetzt eben klarkommen. Die heutige Gesellschaft verlangte, dass ein Amoklauf auch gut und gerne zur Tagesordnung gehört, erst recht, wenn er nur angedeutet war. Keine Medaille für die tapferen Zwillinge und die Omi, kein Zeitungsartikel für heute. Es wurde vertuscht, die Frontscheibe würde ausgetauscht werden, die Kugel hatte sich sowieso schon irgendwohin verflüchtigt. Ich blieb immer noch stockstarr sitzen, an ein Powernapping war nicht mehr zu denken. Der Bus fuhr zum Hauptbahnhof, die Menschen stiegen aus. Ich blieb sitzen, träumte immer noch davon, den Helden spielen zu dürfen. Der Busfahrer stand auf einmal neben mir, fragte: „Willst du nicht aussteigen? Oder ist es bei euch Teenagern jetzt in, wenn man den ganzen Tag im Bus sitzt?“ Ich drehte meinen Kopf, musterte ihn ganz genau. Er schien um die fünfzig Jahre alt zu sein. Hatte einen dichten Schnauzbart, lustigerweise erinnerte er mich ein bisschen an Harry Potters Onkel. Vielleicht hatte er auch einen fetten, komischen, egozentrischen Sohn. Vielleicht war er aber auch ganz nett, ich meinte ihn schonmal auf einer dieser Werbeplakate gesehen zu haben, meinte mich daran erinnern zu können, dass er laut der Rheinbahn ein passabler Schwimmer sein sollte. Ich antwortete ihm: „Ich wüde ja gerne aussteigen, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich glaube ich stehe unter Schock. Eventuell sollten sie einmal einen Krankenwagen rufen. Und sie sollten mich in eine stabile Seitenlage bringen, es kann sonst sein, dass ich Durchblutungsstörungen bekomme. Hab beim Erste-Hilfe Unterricht mal mitbekommen, dass das tödlich sein kann.“ Der Busfahrer schaute mich verwirrt an, war es anscheinend nicht gewöhnt Anweisungen von einer unbeweglichen Person zu bekommen. „Legen sie mich auf den Boden!“, sagte ich harsch, „winkeln sie mein Bein an und bringen sie mich in diese gottverdammte stabile Seitenlage, muss man als Busfahrer eigentlich keinen Kurs gemacht haben?“ Er bejahte kleinlaut meine Frage, folgte meinem Befehl. Ich bewunderte mich selber. Komischerweise hatte ich immer das Glück, in jeder noch so verwunschenen Situation bei Verstand zu bleiben. Man nannte mich nicht umsonst den Tarnkappensäufer, war immer glücklich, wenn ich auf Partys dabei war. Hatte es schon geschafft, nach einer Flasche Vodka eine Küche zu putzen und nebenbei die Eltern eines Freundes auf rhetorischer Ebene komplett auseinanderzunehmen, sodass sie nicht den Krankenwagen gerufen hatten. Hatte mal meinen Mathelehrer nach einer halben Flasche Jägermeister haushoch im Skat abgezogen. Nun war wieder einer dieser Momente, in denen ich meine Rhetorik anwenden musste. Die stabile Seitenlage stellte sich als gar nicht so ungemütlich heraus. Durch meine rhetorischen Künste schaffte ich es dann auch, den Busfahrer endlich dazu zu bewegen, einen Krankenwagen zu rufen. Musste ihm eintrichtern, dass es nicht schlimm war, mit fremden Leuten am Telefon zu kommunizieren. Das alles war eine Leichtigkeit für mich, ich hätte wahrscheinlich auch noch eine runde Schach gegen den Busfahrer spielen können, das einzige Problem, das sich mir stellte, war, dass ich meinen verdammten Körper nicht bewegen konnte. Dafür hatte ich anscheinend zu wenig Geisteskraft aufbringen können. An dieser stelle dachte ich darüber nach, ob ich mit dem rauchen anfangen sollte. Denn wer mit dem Rauchen anfängt, hat auch meistens das Bedürfnis, wieder aufzuhören. Wenn ich es schaffen würde, mit dem Rauchen aufzuhören, dann würde ich für die nächste Schockstarre gerüstet sein, müsste mich dann nicht darum kümmern, dass eine weitere unfähige Person von einem Bussitz in eine Seitenlage transportiert. Der Krankenwagen traf ein, ein Arzt, oder auch Krankenwagenfahrer stieg aus, ich bin mir nicht so sicher, wie man da differenzieren muss. Ich wurde auf eine Trage gelegt, kurz untersucht und dann ins Krankenhaus gefahren. Der Busfahrer wurde für seine außerordentlichen Leistungen komplimentiert, für seinen klaren Geist und schnelle Handlungen gelobt. Ich protestierte. Erzählte dem Krankenwagenfahrer von meiner enormen Geisteskraft. Ich teilte ihm mit, dass ich alles mir selbst zu verdanken hatte, dass niemand für irgendetwas gelobt werden musste. Ich war der Herr der Lage, abgesehen davon, dass ich der kinetischen Energie unfähig war. Dafür besaß ich eine Menge potenzielle Energie, die ich auch in diesem Moment in Form von Schallwellen umsetzte. „Gibt es eigentlich viele Leute, die, trotz Schockzustand, noch so redegewandt sind?“ Er guckte mich mitleidig an: „Schockzustand, ja?“ Seine tiefen, trauernden Augen verwirrten mich. „Haben sie Lust auf eine Runde Schach?“, fragte ich vorsichtig. Sie brachten mich in ein Krankenhaus, ich schlief ein bisschen. Dann wachte ich auf, meine Eltern waren da. Sie weinten. Die Situation war merkwürdig, ich muss allerdings auch zugeben, dass ich leicht schlaftrunken war. Ich hörte, wie meine Mutter ein orales Einverständnis gab. Dann wurde dieses Einverständnis schriftlich gemacht. Man weinte mir zu, ich sagte den Leuten, dass es schlimmeres geben würde als ein missglückter Amoklauf und dessen Folgen. Sie nickten nur zustimmend, ahnend, dass ich nichts ahnte. Sie gingen, dann kam die Narkose, dann die Diagnose. Ich war am weitesten entfernt davon, in irgendeinem Schockzustand zu verweilen. Sowieso konnte so ein Zustand ja keine Stunden/Tage andauern. Mir wurde mitgeteilt, dass ich querschnittgelähmt sei. Vom Hals abwarts. Anscheinend hatte sich die Kugel nicht in die weite Welt katapultiert, sondern geradewegs in mein Rückenmark. Die kaputten Scheiben waren ein Hirngespinst, mit dem Ziel, das Verschwinden der Kugel in irgendeiner Weise zu erklären. Der Rest war da gewesen, die Großmutter war ebenso echt wie die Zwillinge, die Desert Eagle und der Gedanke an kaputte Kniescheiben. Man sagte mir, es hätte schlimmer kommen können. Eine Bleivergiftung wäre ungut gewesen, ich hätte sterben können, wäre die Kugel etwas höher geflogen. Genauso gut wäre aber auch nicht passiert, wäre die Kugel weiter nach links oder rechts geflogen. Diesen Gedanken sprach ich nicht aus, meine Stimme war belegt, es war mir einmal nicht möglich mit Wissen zu glänzen.   Es  hätte schlimmer kommen können, sagten sie. Ich sage etwas anderes! Es kann nicht schlimmer kommen. Nun sind mittlerweile 3 Monate vergangen, ich habe mein Abi nicht bekommen. Es war mir einfach nicht möglich, zu schreiben, geschweige denn mich in irgendeiner Form darauf vorzubereiten. Alle müssen Zeit in einen investieren, man fällt zur Last. Es ist nicht möglich für eine Person wie mich genug Zeit zu investieren, da man nicht genug Zeit investieren kann. Weißt du, wie es ist, jeden morgen von der Hand eines anderen gepflegt zu werden, weißt du, wie es ist, noch weniger Privatsphäre zu haben, als man sowieso schon hat? Du weißt nichts. Die Ärzte wussten nichts. Ich frage mich oft, wieso mir so etwas widerfahren musste, frage oft nach einem tieferen Sinn. Gibt es Karma? War es der Gedanke an die Kniescheiben? Ist der gewaltsame Mensch besser, als der friedliche Mensch, der gewaltsame Vorstellung hat? Ich habe nochmal etwas von dem Amokläufer gehört. Er sitzt aus verschiedenen Gründen für drei Jahre hinter Gittern. Ich liege lebensläglich. Bin für nichts mehr zu gebrauchen, koste Geld, verursache Arbeit. Manche Leute behaupten, wenn ich nichts mehr habe, dann kann ich immer noch meinen Geist weiterbilden. Das habe ich getan.

Wusstest du, wie schwer es ist, Selbstmord zu begehen, wenn man komplett unbeweglich ist? Es ist ein riesiger Kraftaufwand. Man braucht viele verschiedene Leute, muss lügen, alle Personen ganz legale, unbedenkliche Stoffe vermischen lassen. Nun stehen alle Sachen bereit, in der Reichweite meines Mundes , bereit um vermischt zu werden. Ich langweile dich jetzt nicht mit Details, es ist  eh schon zu spät. Das einzige, was euch allen nun noch an mir bleibt ist der Organspendeausweis.  Ich werde in verschiedenen Personen weiterleben und wenn diese sich mal begegnen, werden sie fühlen, dass sie zusammengehören.
Prost. Und Gute Nacht.

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