Multidimensionale Heilung

Es war ein mal ein kleines Mädchen mit großen Schlafstörungen. Sie hatte das Problem, dass sie immer extrem früh aufwachte, ganz gleich, ob sie am Vorabend früh oder sehr spät ins Bett ging. Sie probierte viele kleine und eine Menge große Heilmethoden aus, nichts funktionierte. Sie versuchte sich an pflanzlichen Heilmitteln, sowie an etwas außergewöhnlichen. Sie wechselte die Bettwäsche, die Decke, den Schlafanzug, das Bett, das Zimmer. Egal, welche Variable sie versuchte auszutauschen, alle Versuche scheiterten bitterlich. Einmal ging sie sogar, obgleich sie niemals an so etwas glaubte, zu einer Wahrsagerin. Sie prophezeite ihr, dass ein Junge, der sie wirklich, wirklich gerne mochte, ihr Leiden lindern konnte.  Tatsächlich fand sie auch diesen Jungen bei einem Waldspaziergang und die Prophezeiung erfüllte sich. Doch Linderung hieß nicht Heilung. Obwohl der Junge sich sehr bemühte, sie mit seinen Gute-Nacht-Geschichten von ihrem Leid zu erlösen, die Heilung war nur temporär. Manchmal schlief sie eine Stunde länger, ein andern mal waren es zwei volle Stunden, doch nichts half wirklich. Dann kam der Tag, an dem dem Jungen nichts mehr einfiel. Sein Gehirn fühle sich wie ein ausgewrungener Schwamm an, nicht mehr in der Lage noch einen letzten Tropfen Fantasie von sich zu geben. Er schämte sich sehr, weil er, obwohl er das Mädchen so sehr mochte, ihr einfach nicht mehr helfen konnte. Das Mädchen sagte zwar, sie sei nicht sauer, aber er wusste, dass sie, auf ihre Art und Weise, enttäuscht von ihm war. Doch dann macht der Junge eine Entdeckung: er selbst hatte nämlich manchmal auch Schlafstörungen, und zwar immer dann, wenn der Vollmond schien. Also musste der Vollmond auch irgendwie Schuld an des Mädchens Schlaflosigkeit tragen. Er besuchte sie eines Tages und blieb bis spät in die Nacht bei ihr. Sie guckten zusammen ein paar Filme. Als sie dann schließlich den Fernseher ausmachten und der Junge sich bereit machte wieder nach hause zu gehen, sie wollte ihr flauschiges Bett nicht teilen, fiel ihm auf, dass der Mond hell durch das Dachfenster schien. Komisch an der Situation war allerdings, dass eigentlich an diesem Tag Neumond sein sollte. Er guckte hinaus und sah den Vollmond in voller Pracht am Himmel scheinen. Aber er schien komisch und außerdem sah der Abendhimmel an diesem Abend ebenso merkwürdig aus. Dann fiel ihm auf, dass alles, was der Junge sah, schwarzweiß war. Wieso war die Welt wieder schwarzweiß? Der Junge wusste zwar, dass früher die Welt schwarzweiß war, schließlich waren alle Videobeweise auch auf schwarzweiß gewesen. Aber mittlerweile sollte eigentlich alles farbig sein. Doch dann kam ihm etwas in den Sinn, dass ihn gleichzeitig verwirrte, erleuchtete und seinen Verstand, sowie sein Gehirn für mehrere Minuten schachmatt setzte. Doch dann kam die Erkenntnis: Dieses schwarzweiße Bild vor seinen Augen war ein Riss, in eine andere Welt, eine andere Dimension oder auch ein anderes Universum. Warum der Riss nun schwarzweiß war, vermochte der Junge nicht zu sagen. Er hat noch nie so etwas gesehen und er wusste auch nicht, ob überhaupt irgendjemand schon mal so etwas gesehen hat. Er wusste nicht einmal, woher auf einmal die Erkenntnis kam, was so ein Riss überhaupt sein sollte oder woher er wusste, dass das Ding vor ihm Riss heißt. Doch wenn da etwas war, dann musste es auch irgendwie durchquerbar sein. Der Junge nahm das Mädchen an die Hand. Beide sahen sich in die Augen, entschlossen der Sache auf den Grund zu gehen. Sie nahmen Anlauf und sprangen durch das geöffnete Fenster.Sie landeten auf dem harten, nächtlichen Boden. Die Welt war wieder farbig. Die Landung war ziemlich unkomfortabel, kein Wunder, sie waren schließlich aus dem ersten Stock gesprungen. In peinlicher Stille betraten die Beiden wieder das Haus. Wie konnte man auch so naiv sein und glauben, dass irgendetwas geschieht, wenn man durch aus dem ersten Stock in die kalte Nacht hinausspringt. Sie gingen die Treppe zu des Mädchens Zimmer hoch, immer noch Hand in Hand, wie es dem Jungen positiv auffiel. Auch, wenn sie es nicht unbedingt wusste, aber der Junge hatte etwas für das Mädchen übrig und er genoss jeden Augenblick, indem er ihr durch die Berührung ihrer kalten Hand wenigstens etwas Trost und Wärme spenden konnte. Sie betraten das Zimmer. Dort saß das Mädchen auf dem Bett und guckte alleine einen Film. Diese Situation war für den Jungen und die beiden, anscheinend vollkommen identischen Mädchen etwas verwirrend. Anscheinend war bei der Durchquerung des Risses doch etwas passiert. Nach einem langen Gespräch der drei Personen stellte sich heraus, was passiert war: Bei dem Sprung aus dem Fenster hatten der Junge und das Mädchen es geschafft, sich selber aus ihrem Universum herauszukatapultieren. Nun standen sie zwar theoretisch im Haus des Mädchens, praktisch gehörte das Haus aber der Familie des anderen Mädchens, welches ein „multidimensionales Ich“ darstellte. Jedes Universum war anscheinend gleich, allerdings gab es immer eine Sache, die sich geändert hat. In diesem Universum hatte es der Junge anscheinend versäumt das Mädchen zu besuchen, da er keine Lust hatte, mitten in der Nacht nach Hause zu fahren. Das zweite Mädchen beschloss sich auch, ihrer Schlaflosigkeit ein Ende zu bereiten und sprang zusammen mit dem Jungen dem ersten Mädchen durch das Zimmerfenster, welches wieder anfing, schwarzweißes, grelles Mondlicht ins Zimmer zu fluten. Wieder landeten die drei unkomfortabel, wieder gingen sie in Haus. Wieder liefen sie die Treppe hoch, diesmal mit einem Gefühl von Anspannung und Erwartung im Buch. Sie trafen auf ein drittes Mädchen. Da das erste Aufklärungsgespräch so lange gedauert hatte, war der Junge anscheinend schon gegangen. Das dritte Mädchen lag auf dem Bett und las eine Nachricht auf ihrem Handy. Man konnte nicht erkennen, ob es ein neuer, vergeblicher Versuch einer Gute-Nacht-Geschichte des Jungen war oder ob sie einfach noch kurz mit einer Freundin chattete. Aufgeschreckt von dem Geräusch der Tür guckte sie von ihrem Handy auf, auch sie war erstmals sichtlich verwirrt aufgrund der merkwürdigen Situation. Was hatten zwei weitere Mädchen und der Junge in ihrem Zimmer zu suchen? Doch auch sie wurde aufgeklärt und entschloss sich ebenfalls, sich dem interuniversalen Trupp anzuschließen. Die vier tapferen Helden, dessen Aufgabe es bis dato war aus dem Fenster zu springen, erfüllten ihre Pflicht. Sie landeten abermals auf dem harten Boden, liefen die Treppe hoch und stürmten ins Zimmer. Der Junge stellte sich andauend die Frage, wie er es geschafft hatte in so einer kurzen Zeit so viel Wissen über dieses Multiversum anzusammeln. Warum konnte er auch als einziger diese Risse erkennen, denn anscheinend waren die Mädchen nicht imstande gewesen, sich gegen das Flutlicht in ihrem Zimmer zu wehren oder es wahrzunehmen. Sie betraten das Zimmer, das Mädchen in diesem Universum schien schon zu schlafen. Aber als sie geweckt wurde, war sie nicht verwirrt. Sie wusste auch von den Rissen, konnte sie aber immer noch nicht sehen. Sie wusste auch, dass sie irgendwann von mehreren Mädchen und einem oder mehreren Jungen besucht werden würde. Sie wusste auch, weswegen sie unter der Schlaflosigkeit litt: In diesem Universum war es nämlich passiert, dass der Junge dem Mädchen seine Liebe gestanden hat. Doch sie hat ihn abgelehnt. Traurig, erschütternd und wütend über die Situation hatte der Junge sich zurückgezogen und erfand eine Technologie, mit der es ihm möglich war, diese Risse zu öffnen. Allerdings hatte er sie so konstruiert, dass nur Strahlung, der Junge und alles, was der Junge bei sich hatte, so einen Riss durchqueren konnte. Deswegen war es den Mädchen immer unmöglich gewesen, die Risse zu sehen oder alleine zu durchqueren, sollten sie mal auf die Idee gekommen sein aus dem Fenster zu springen. Das erklärte nun auch, wie der Junge zu seinem Schrecken feststellte, warum er sich auf einmal an immer mehr Details über das Multiversum erinnern konnte. Angewidert von sich selbst entschloss er sich selber zu stoppen. Er führte die Mädchen aus dem Haus heraus, denn nun, wo er wusste, dass er alles wusste, ist ihn auch in den Sinn gekommen, wo das Versteck seiner bösen Variante sein könnte. Er führte die Mädchen tief in den Wald, ein Ort, der nur für ihn und das Mädchen bestimmt sein sollte. Hier hatten sie sich kennengelernt und sich gegenseitig Geschichten erzählt. Hier waren sie zusammen spazieren gegangen, damals, als das erste Mal der Schnee fiel. Hier hatten sie nach der Schule den ganzen Tag verbracht, sich mit Schneebällen beworfen und einen wunderschönen Schneemann gebaut. Hier waren sie zusammen Schlittenfahren und haben, geschickt, wie beide waren, einen Baum frontal angefahren. Hier hatte der Junge das erste mal gemerkt, wie viel er eigentlich für das Mädchen empfand, wie viel Freude es ihm bereitete, sie glücklich zu sehen. Dort, indem Wald, so war er sich sicher, hatte seine böse Version ein geheimes Versteck aufgebaut, von dem aus er alle Mädchen des Universums tyrannisierte, nur, weil sie nichts für ihn empfand. So waren seine Gedanken und so war es dann auch. Der Junge und die vier Mädchen fanden das geheime Versteck des bösen Jungen und stellten ihn zur Rede. Er erkannte, was für eine schreckliche Tat er begangen hat und fing an Mitleid zu empfinden. Was konnten denn die anderen Mädchen dafür, dass das Mädchen ihn nicht so gern hatte, wie er sie. Man konnte solche Art von Gefühlen nicht erzwingen, genauso wenig, wie man sie unterdrücken konnte, das erkannte er. Er schämte sich dafür, es nicht schon vorher gewusst zu haben, denn schließlich war er ja anscheinend so intelligent, dass er es geschafft hatte gleich mehrere Risse in die Wand des Universums zu reißen. Er wusste, dass seine Taten eigentlich unverzeihbar waren, dennoch sah er Tränen in den Augen der Mädchen. Sie waren berührt von seinem Gedankengängen und freuten sich darüber, dass er wenigstens verstand, was er angerichtet hat, denn ihr Herz war so groß, dass sie trotz dem Leid, dass ihnen widerfuhr trotzdem noch Verständnis zeigen konnten. Der nun nicht mehr böse Junge nahm sich vor, seine Vergehen wieder gut zu machen. Er benutzte eine weitere Funktion seiner Risstechnologie um den Verlauf der Zeit zu ändern. Er spulte die Zeit zurück, bis in des Mädchens Kindheit und schloss alle Risse ein für alle mal. Gleichzeitig setzte er jedes Mädchen und den Jungen in ihren eigenen Universen ab. Dann drehte er die gesamte Zeit wieder nach vorne bis zu dem Tag, an dem der Junge und das Mädchen zusammen einen Film geguckt hätten. Die Schlaflosigkeit des Mädchens war geheilt, denn schließlich war sie so niemals schlaflos gewesen. Doch der böse Junge ging zwischen den Rissen für immer verloren und galt in seinem Universum für Tod. Alle anderen waren glücklich. Das Mädchen hatte eine wunderbare Kindheit und wuchs zu einer gesunden erwachsenen Frau auf, die niemals unter Schlaflosigkeit leiden musste. Sie musste niemals in ihren Leben zu einer Wahrsagerin gehen, weil sie davor schon alle Möglichen Heilmethoden ausprobiert hatte. Es gab nie eine Prophezeiung. Sie ging niemals in den Wald, um mal alleine zu sein. Sie lernte niemals den Jungen kennen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.